Februar 2024 Die Leber – Organbeschreibungen der etwas anderen Art

In diesem Jahr möchte ich sie mit den schillernden Persönlichkeiten in unserem Leben vertraut machen. Die herrlichen Beschreibungen stammen von Peter Levin (Soziologe, Religionswissenschaftler und Osteopath) aus seinem Buch „Deine Organe Dein Leben“

Die Leber

Verwandlungskünstlerin aus Leidenschaft

Die Leber ist wahrlich ein außergewöhnliches Organ. Sie steckt voller Schaffenskraft. Sie ist das größte, wärmste, aktivste, energiereichste, jüngste und  – ihre Liebhaber sagen – schönste Organ der Organfamilie. Wenn es um die Leber geht, häufen sich die Superlative. Dann ist es schwer den Charakter der Leber unter ihrem Superwomankostüm zu erkennen. Neben ihren vielen Besonderheiten stellen wir sie hier auch als erstes und durchaus prototypisches Organ im Blutsystem vor. Im Gegensatz zu den später noch porträtierten Hohlorganen steht die Leber nicht mit der Umwelt in direktem Kontakt. Ihre innere Fülle und Kraft ist das in den Gefäßen fliessende Blut. Das Volumen und die chemische Qualität des Blutes sind der Schaffensbereich und der Erfahrungshorizont der Leber. Dem Blut entnimmt sie die Grundbausteine des Lebens und wandelt diese um. Kaum ein Bauelement des Körpers, das nicht von ihr mitgebaut, kaum eine Zelle, die nicht von ihr mitgeliefert wird. Ohne die Leber läßt sich nicht leben. Ist sie krank, nimmt sie alle anderen Organe in Mitleidenschaft. Schon die antike griechische Organlehre und Medizin wusste um die ungewöhnlichen Fähigkeiten der Leber. Sie war in der griechischen Organlehre Sitz der Leidenschaften und Ursache vieler Leiden. Wer sich nicht für sie interessiert, wird von ihr heimgesucht. Wird sie gut behandelt bleibt sie ewig jugendlich.

Sie ist die Größte

Die Leber ist das größte Organ in uns und kann sich bei Bedarf zudem noch mit Leichtigkeit ausdehnen. Sie mag daher die Wiegte der Räume. Große Volumenschwankung kennt sie gut, und diese machen ihr keinen Stress. Sie kann sich an die wechselnden Fülle mit einer adaptiven Hülle anpassen. So vermeidet sie trotz grosser Volumenveränderungen starke Druckschwankungen: sie kann auf 150% ihres Volumens anschwellen ohne den inneren Blutdruck zu erhöhen. Dabei bleibt ihre Funktion erhalten. Diese Toleranz macht ihr kein Organ nach. Denken wir an die geringe Schwellungsfähigkeit des Gehirns und der Nieren. Schwellen nämlich diese, kommt es schnell zu Druckerhöhungen und lebensbedrohlichen Funktionsveränderungen. In der Volumenveränderungs-Liga gehört die Leber mit dem Magen und dem Herz an die Spitze. Während das Herz mit zunehmender Blutfüllung zur Kontraktion neigt, saugt sich die Leber voll wie ein Schwamm und wird schwerer und schwerer.

Bigger than life

Im Haus der Organfamilie zieht die Leber in das große Zimmer mit Balkon ein. Die anderen Familienmitglieder könnten sich zwar beklagen, dass die Leber das schönste Zimmer bekommt, aber da sie nicht nur die Größte sondern auch die Großzügigste ist, geben die anderen ihrem Platzbedarf gerne nach. Sie ist einladend und ausladend zugleich. Der Leber gelingt es ihren platznehmende Charakter mit einer platzgebenden Geste zu verbinden. Die Leber beeindruckt durch Gelassenheit, sie gibt den anderen das Gefühl, dass man ihr so leicht nichts anhaben kann. Sie ist „bigger than life“ . Damit ist sie in der Organfamilie ein gutes Gegengewicht zu den ewig unsicheren und von Fragen geplagten Nieren. Die Leber ist fraglos Präsenz; komplizierte Verwicklungen sind nicht ihr Metier. Jeder Familie tut dieser Schuss selbstverständlicher Anwesenheit gut.

Arbeit an der Substanz

Mit der Leber kommen wir auf die stoffliche Seite des biographischen und therapeutischen Veränderungsprozesses zu sprechen. Die Physiologie spricht von Stoffwechsel. Der Verdauung und Aufnahme der Stoffe im Magen-Darm-Trakt folgt deren Umbau in den Leber- und Körperzellen. So können wir die Verwandlungskraft von Leber und Magen unterscheiden. Der Magen schafft Formänderungen ohne selbst am Verhandlungsprozess der Substanz beteiligt zu sein; er vermischt nur. Die Leber ist offen für Volumenänderungen, nimmt es mit der eigenen Form nicht so streng und entfaltet ihre volle Verwandlungsmacht in der Arbeit an der Substanz.

Da die Aktivität der Leber auf Substanzänderung zielt, ruft sie immer wieder die theologische und therapeutische Fraktion au den Plan. Dann fallen Worte wie: Verwandlung und Umwandlung, Heilung und Erneuerung.

Verwandlungskünstlerin

Fleißig baut und verwandelt die Leber, was ihr über das Blut aus dem Magen-Darm-Trakt, der Milz sowie der Leberarterie zugeführt wird. Sie baut Proteine, aus denen dann Zellen und Hormone gemacht werden. Besonders für die schnell erneuernden Gewebe, wie Blut-und Schleimhautzellen, ist ihre Arbeit von großer Bedeutung. Sie ist die große Verwandlerin, Bau- und Umbaumeisterin unter der Organen. Sie stellt die große Küche, die Chemiefabrik, die Druiden- und Hexenwerkstatt in der Organfamilie dar. Sie empfängt und sie gibt, sie entnimmt dem Blut einiges und fügt ihm vieles zu. Netto arbeitet die Leber mehr für den gesamten Organismus als für sich selbst. Sie entnimmt relativ einfache Bauteile aus dem Blut und reichert es mit sehr komplexen Enzymen, Vitaminen ect. An. Sie ist eine Verwandlungskünstlerin besonderer Art; sie erhöht die Qualität und die Komplexität des Produkts. Sie gleicht einer Alchimistin.

Funktionen über Funktionen

Die Funktionen der Leber sind so zahlreich, dass es leicht ist, eine zu vergessen; so z.B. dass sie 

-eine Drüse ist und Gallensekret bildet

-wichtige Immunfunktionen übernimmt

-Zucker, Vitamine und Einspeichert

-die Eisenaufnahme im Zwölffingerdarm über ein Hormon steuert

-mittels Vitamin K die Gerinnungsfaktoren des Blutes produziert und

-mittels Vitamin A Stoffe für das Auge produziert

Entstanden aus Blut

Mit der Leber begeben wir uns in die Welt der blutgefüllten Organe. Mit ihr fängt alles an. Sie bildet sich im Blut noch bevor es ein entwickeltes Gefäßsystem gibt. In der Lebergegend sammelt sich anfänglich das Blut des Embryos; und die spätere Leber entsteht und besteht zu großen Teilen aus Blut. Sie erhält 25-30 % des Herzausstoßes, obschon sie nur 2,5 % des Körpergewichtes hat. 

Venöse Fülle

Die Fülle der Leber ist das venöse Blut aus dem Magen-Darm-Trakt und der Milz. Zwei Drittel des Blutes, dass in die Leber fließt, ist venös, ein Drittel arteriell. Die Anatomen haben diesem seltenen Organisationsmodell einen eigene Namen gegeben: Pfortaderkreislauf. Normalerweise wird ein Organ von arteriellem, sauerstoffreichem Blut versorgt und nach dem Austausch in den Kapillaren vom venösen, sauerstoffarmen Blut entstammt. Nur an wenigen Orten im Körper wird dieses Prinzip verändert. Die Leber ist das prominenteste Beispiel.

Bewässerte Reisfelder

In der Leber herrschen Strömungsverhältnisse, die an Lagunen erinnern. Das Blut fließt mit geringem Druck in die vielen offenen Höhlen und Buchten des Leberschwamms. Nur Leber und Milz kennen diese Formen des offenen Gefäßbettes. In der Leber ist an Stelle der Kapillaren ein offenes Netzwerk getreten. Die Kontinuität der Gefäße ist durch die Schwammstruktur aufgelöst. Entsprechend bewegt sich das Blut in der Leber wie in einem Reisfeld; es umspült die Pflanzen, schwankt vor und zurück und verläßt es dann wieder. 

Lebermüdigkeit,Leberhitze

Die Leber arbeitet bei niedrigem Druck und ausreichendem Durchfluss gut. Hat sie genug Zeit und bekommt sie gute zu verarbeitende Stoffe zugeteilt, schafft sie Ihre Arbeit an den Bestandteilen des Blutes ohne Anstrengung. Die Hauptarbeit kommt dabei den Leberzellen zu. Die im Gewölbe der Leberhöhlen liegen. Die Leber kann sowohl Zucker speichern als auch wenn nötig die Speicher leeren. Als energetisches Zentrum im Stoffwechselprozess ist sie  – wie oft die Küche im Haus – der wärmste Ort des Körpers.

Gut platziert, aber nicht gierig

Nicht nur im Embryo ist die Leber gut platziert, um das beste Blut abzufangen. Auch nach der Geburt ist ihr Platz an der Sonne sicher, denn sie bekommt das Blut aus dem Dünndarm, das gerade frisch beladen wurde mit Nahrungsstoffen. Die Leber kann einströmende Moleküle sofort nutzen. Manches entnimmt sie großzügig, z.B. die Grundbausteine der Eiweiße, weil sie die Einzige ist, die Bluteiweiße bauen kann. Von anderen Stoffen nimmt sie nur ihren Anteil. So hat die Leber eine geringe Affinität für Zucker. Deshalb gelangt die größte Menge des Zuckers zu jenen Organen und Zellen, die diesen viel dringender brauchen: Gehirn, Herz, Nieren und Muskeln und rote Blutkörperchen. Hier zeigt die Leber Größe und einen Sinn für Verteilungsgerechtigkeit. Das Gehirn braucht am meisten Zucker und bekommt diesen in großen Mengen. Besonders abhängig vom Zucker sind die roten Blutkörperchen; diese können sich nur mittels Glucose am Leben halten. Die anderen Organe hätten notfalls die Möglichkeit aus Fetten ihre Energie zu produzieren.

Süße Energie

Glucose ist die wichtigste Quelle für die Energiegewinnung und Energie braucht der Körper en masse. Die physiologischen Abläufe benötigen im menschlichen Organismus viel Energie. Diese Energie muss der Organismus, aus dem was er aus der Umwelt aufnimmt, selbst herstellen. Die Erneuerungs- und Reparaturvorgänge, der Zellstoffwechsel und die Pumpmechanismen der Zellwand müssen angetrieben werden. Das Benzin der Körpers heißt ATP.

Die Leber hat ein einzigartiges Verhältnis zum Zucker, das spüren nicht nur die Naschkatzen unter uns. Ist der Blutzuckerspiegel nach einer guten Mahlzeit dauerhaft hoch, entnimmt die Leber dem Blut vermehrt Zucker. Da sie diese Mengen nicht für die eigene Arbeit braucht, speichert sie den überschüssigen Zucker in den Leberzellen. In Phasen der körperlichen Anstrengung oder des Hungers gibt sie diesen Zucker wieder ans Blut ab. Somit ist die Leber nicht nur ein Speicherorgan für Zucker, sie spielt auch bei der Verteilung des verfügbaren Zuckers eine entscheidende Rolle. In Zeiten des Überflusses spart sie an und gibt uneigennützig in der Not. Die Bauchspeicheldrüse hilft dabei mit; sie schickt die entsprechenden Hormone für die Einlagerung (Insulin) und Herausgabe (Glucagon) von Zucker aus den Leberzellen. Neben den Muskeln des Bewegungsapparates haben nur die Leberzellen die Fähigkeit, Glucose zu speichern und bei entsprechender Not zu mobilisieren. 

Feind und Freund

Eine Leber muss Freund und Fein auseinanderhalten können. Eine ausgewogene Ernährung und Durchblutung halten die Leber jung. Sie ist das einzige Organ, dem man das Alter nicht ansehen muss. Bestimmt Formen des Zuckers machen der Leber allerdings das Leben schwer. Die Leber lernt schnell, dass Alkohol und Fruchtzucker ihr schaden können. Im Vergleich zur Glucose wird bei der Verarbeitung der Fruktose in den Zellen vermehrt Fett gebildet. Die Leber neigt dazu, 30 % der Fruktose in Fett umzuwandeln. Dieses Fett verbleibt entweder in der Leber oder geht ins Blut. In der Leber führt es zu deren Verfettung. Wandert es ins Blut, ist es gefürchtet, weil es die Gefäße schädigt. Egal wie man es dreht: wer glaubt, Fruchtsaft wäre fettfrei, der hat nicht mit der Leber gerechnet. Große Mengen an Fruchtzucker können für die Leber ebenso schädlich sein wie Alkoholkonsum. Deshalb bezeichnen manche besorgte Forscher denen vielen Getränken und Nahrungsmitteln enthaltenen Fruchtzucker als Gift. 

Die zweite leberschädliche Form des Zucker ist der Alkohol. Alkohol stört und zerstört nicht nur die Zellmembranen Leberzellen, er wirkt nicht tiefer in der Zelle. Er macht sich auch and er Membran des Mitochondriums zu schaffen und legt damit die Energiegewinnung der Leberzellen lahm. Ohne Energie sterben diese Zellen. Die Belastung der Leber und erst recht die irreversible Leberzirrhose führen zu Rückstau im ganzen Bauchraum. Die Menschen mit Leberschäden verlieren zudem Substanz, weil die Leber nicht mehr ihren Aufbau-Aufgaben für den Rest des Körpers nachkommt. Sie sehen daher unterernährt und zugleich überbläht aus: der geschwollene Bauch wird von dünnen Beinen getragen.

Sucht und Rausch, Bedürfnis und Exzess

Alles an der Leber geht in die Superlative: komplexester Stoffwechsel, größtes Blutvolumen, größter Produzent von Lymphflüssigkeit. So können wir sagen: die Leber ist ein Extrem-Sportler. Sie ist extrem belastbar und lädt dazu ein Grenzen auszutesten. Und wer ist mehr für Exzesse geeignet als ein extremes Organ? Die Leber erlaubt uns, Grenzen zu überschreiten und wieder in die Grenzen zurückzukehren. Aber es gibt keine Garantie auf die sichere Rückkehr nach dem Exzess. Das Wort „Sucht“ trägt den Sog in sich. Der Sog hält fest und droht uns zu verschlingen. In der Sucht ist der Rückweg aus der Grenzüberschreitung unendlich viel schwerer als es die leichte Lust des Augenblicks und des Rausches vermuten ließen. Glücklich, wer nach dem Rausch nur im Frust des Katers endet. Der Kater birgt eine Chance, er kann zum Warnschuss geraten. Die Leber freut sich, wenn auf die Warnung reagiert wird. Die Leber stellt die Frage nach der menschlichen Bedürfnis-Natur und den Konsequenzen der Befriedigung.In ihr wird der Übergang vom Feuer der Begeisterung zum rauschhaften Exzess zu einer Frage des Überlebens. 

Feuer der Zivilisation

Auch in der griechischen Mythologie erscheint die Leber prominent im Zusammenhang mit den menschlichen Bedürfnissen. Die Leber ist Sitz der Passionen und der Leidenschaft, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Übertrieben deutlich wird das im Feuerraub des Prometheus, der mit einem Leberraub bestraft wurde. Prometheus brachten den in Dunkelheit und Kälte lebenden Menschen das Feuer der Zivilisation. Zur Strafe wurde er an den Kaukasus gefesselt und seine Leber von Adlern angefressen. Hat die Strafe der Götter zufällig die Leber gewählt oder wussten die Götter, dass in der Leber das Feuer der Zivilisation brennt? In der mythologischen Erzählung wächst die Leber wieder nach. Auch die moderne Physiologie hat die Leidensfähigkeit und Erneuerungskraft der Leber bestätigt. Das Gewebe der Leber kann sich nach Verletzung oder Operation neu bilden. So wuchs die auf 45 % reduzierte Leber eines Leber-Spenders im Laufe von sechs Monaten wieder auf 90 % an.

Mick Jaggers Leber

Dass unsere menschliche Wunsch- und Treibnatur mit der Wiederkehr von Frust und Lust, Rausch und Kater kämpft, weiß am besten die Kultur der Rock- und Soulmusik, In ihr werden die organischen, sexuellen und sozialen Bedürfnisse bejammert und beschworen. Dieses Gejammer interessant zu gestalten erfordert grosses künstlerische Raffinesse und eine Menge Arbeit am Detail. Jede Rock´nRoll-Leber weiß, dass eine Menge an Arbeit und Frustration zwischen Bedürfnis und Erfüllung, zwischen Lied-Idee und erfolgreichem song liegt. Arbeit an den Bedürfnissen ist das Thema der Leber. Nur die frustrierte Leber trällert den song der Rolling Stones: I can´t get no satisfaction. Frust ist der Bruder des Katers danach: ebenso enttäuscht und willig, auf die nächste Lusterfüllung alle Hoffnung zu setzen.

Extrem tolerant und ausgeglichen

Was für Nicht-Lebern schwer nachvollziehbar ist: die Leber hat Ansprüche – und nicht zu wenige – aber sie kann mit Absagen und Zurückweisungen ebenso umgehen wie mit dem Glück der Wunscherfüllung. Eine im organischen und sozialen Universum nicht gerade weit verbreitete Toleranz erlaubt es der Leber ihre Bedürfnisse ohne falsche Scham auszuleben. Mit der dabei auftretenden Frustration kann sie umgehen, denn sie weiß, dass sie selten bekommt, was sie sich erhoffte oder phantasiert hat. Wenn wir etwas von der Leber lernen können, dann ist es die Freiheit, sich ohne Angst auf die Wunschnatur und die Zirkularität des Begehrens einzulassen. Die Leber ist so sehr im Reinen mit sich, der eigenen Leidensnatur und Leidenschaftlichkeit, dass sie uns vor der Verteufelung der menschlichen Triebhaftigkeit schützt. 

Innerer Zwang und Auftrag

Die Leber baut nicht nur auf, sie ist auch entscheidend wirksam beim Abbau von Stoffen. Sie ist beteiligt am Abbau der Blutzellen und Hormone. Die Extra-Last der Leber sind aber die vielen Gifte, die wir zu uns nehmen, allen voran der Alkohol. Schafft die Leber ihre Arbeit nicht mehr, bleiben Abbaureste der roten Blutzellen im Körper und zeigen sich als Gelbfärbung der Haut. Werden Hormone nicht ausreichend abgebaut, kommt es zu unliebsamen Wirkungen der Hormonanhäufung. Sammeln sich beispielsweise beim Mann die Östrogene, können diese eine Ausbildung der Brust bewirken.

Gelb vor Sucht

Gelbsucht und Alkoholsucht hinterlassen deutliche Spuren. Schafft es die erkrankte Leber nicht mehr, das Bilirubin aus dem Blut in die Galle zu transferieren, lagert es sich in der Haut ab. Die Haut und besonders sichtbar die Bindehaut des Auges – verfärbt sich gelb. Nach der Geburt durchlaufen manche Kinder eine kurze Phase der physiologischen Gelbfärbung. Durch die Umstellungen des Kreislaufs und der Blutbildung auf nachgeburtliche Verhältnisse entsteht vermehrt Bilirubin, das die noch ungeübte Leber überfordert. So kommt es manchmal in den Tagen nach der Geburt zu einer zeitlich begrenzten Gelbfärbung der Haut, die dem Kind aber kaum zu schaffen macht. Da in diesem jungen Alter die Blut-Hirn-Schranke jedoch noch durchlässig ist und Bilirubin für das Gehirn toxisch wäre, wachen die Kinderärzte mit Argusaugen darüber, dass der Bilirubinwert im Blut nicht zu hoch wird.

Freunde und Nachbarn in der Organfamilie

Wie kaum ein Organ ist die Leber auf allen Ebenen vernetzt. Sie ist ein typisches Gefäßorgan mit venöser Betonung. Sie arbeitet an der Blut- und Lymphbildung mit. Über die Zuckerfreisetzung ist sie direkt mit dem Muskelstoffwechsel verbunden. Mechanisch bestimmt sie das Zwerchfell und die Atmung mit; sie nimmt das venöse Blut aus dem Bauchraum. Die venöse Fülle der Leber speist das Herz und hilft diesem bei der Ausbildung seiner Schlagkraft. Die Leber arbeitet immer für andere mit; ihre stoffliche Aktivität kommt meist den anderen zugute. Sie ist neben der Niere die Hauptabnehmerin und Ausscheiden der Stoffwechselprodukt. Sie recycelt und entgiftet das Blut- und Verdauungssystem. Die in der Leber produzierte Galle braucht der Zwölffingerdarm für seine Fettverdauuung.

Leber und Milz sind die beiden Blutorgane des Bauches.Sie sind wie Schwestern, die eine venös bestimmt, die andere arteriell. Sie sind immer im Kontakt und arbeiten zusammen an der Qualität des Blutes. 

Dezember 2023 Minze – aus dem Schatzhaus der chinesischen Arzneien

 Minze

Es gibt drei verschiedene Minzearten, die auch pharmakologisch von unterschiedlicher Bedeutung sind: die Pfefferminze, die grüne Minze und die Ackerminze. 

Die europäische Pflanzenheilkunde verwendet nahezu ausschließlich die Pfefferminze, die uns allen als Hausmittel vertraut ist.

Die chinesische Medizin benutzt dagegen überwiegend die Ackerminze, die seit dem 7. Jahrhundert in den Arzneibüchern beschrieben wird.

Alle Minzearten enthalten als wesentlichen Bestandteil ein ätherisches Öl, bei der Pfefferminze sind es 0,3-04 % der relativen Anteile, bei der Ackerminze jedoch zwischen 1 und 2 %, also drei-viermal soviel.

Aus chinesischer Sicht wird das Temperaturverhalten des Krautes der Ackerminze als kühl beschrieben, seine Geschmacksrichtung als scharf. Ein Funktionskreisbezug besteht zum Bereich Lunge und Leber.

Die Wirkung im Sinne der chinesischen Medizin besteht darin, daß warme „Windschädigungen“ zerstreut und gelöst werden, daß die Energie im Kopf und Augenbereich gekühlt und geklärt wird. Außerdem werden Exantheme zum Durchbruch gebracht, die Heilung derselben beschleunigt und eine Reinigungsfunktion wahrgenommen.

Im Westen wurde vor allem das Menthol der Pfefferminze isoliert und besonderen Untersuchungen unterzogen. Auffallend ist die äußerliche, Kälte erzeugende Wirkung der Minze, die zu einer Verminderung des Empfindungsvermögens führt und ihre Wirkung als Anästhetikum.

Als besonders wichtig wird die Gallensaft fördernde und Gallensekretion erhöhende Eigenschaft verstanden. Weiterhin wird eine krampflösende Wirkung angegeben. 

Die chinesischen Indikationen konzentrieren sich dagegen stärker auf den Funktionsbereich Lunge mit Symptomen wie mangelnde Schweißbildung, Kopfschmerzen und gerötete Augen (Leber). Die Rötung der Augen bei entsprechenden Pulsen und einem entsprechenden Zungenbefund deuten auf einen „Wärmebefund“ Derartige Störungen werden durch die Ackerminze ausgeleitet.

Die mehr lokale Verwendung ist im Westen wesentlich gebräuchlicher als in der chinesischen Medizin. So macht man sich den kühlenden Effekt des Menthols als Migränestift, als antirheumatischen Einreibemittel und als Schnupfen und Erkältungsmittel zunutze.

November 2023 Rhabarber – aus dem Schatzhaus der chinesischen Arzneien

 Rhabarber

Im Osten wie im Westen ist die Wurzel des Rhabarbers ein altbekanntes Heilmittel, das von beiden Kulturbereichen in ganz ähnlicher Weise verwendet wird.

Die chinesische Medizin spricht von einem Katen Temperaturverhalten und einer bitteren Geschmacksrichtung. Die Wirkung erfolgt auf die Funktionsbereiche der „Mitte“, also auf Magen und Milz aber auch auf den Funktionsbereich Dickdarm und die Funktionskreise Herzbeutel und Leber.

Daraus folgend wird die Wirkung in erster Linie damit beschrieben, daß aufgrund des kalten Temperaturverhaltens „Hitze“ und „Wärmebefunde“ ausgeleitet, Stockungen gelöst und die Energieleitbahnen (Meridiane) durchgängig gemacht werden.

Dieses Wirkungsspektrum geht weit über die bei uns beschriebene purgierende Wirkung hinaus, die lediglich eine Verstopfung im Darmbereich beseitigt.

Die Antwhrastoffe, die als wirksame Inhaltsstoffe der Rhabarberwurzel extrahiert wurden, bewirken eine spezifische Reizung der Dickdarmschleimhaut und führen damit zu einem laxierenden Effekt. Eine adstringierenden Wirkung wird durch die nachgewiesenen Gerbstoffe erzeugt. Somit beschränkt sich die Wirkbeschreibung auf ein bitteres Tonikum sowie auf ein mildes Laxans.

Diese Angaben sind sehr bescheiden im Vergleich zur chinesischen Arzneimittellehre, die das gesamte Wirkspektrum der Rhabarberwurzel wesentlich breiter und potenter sieht.

September 2023 Löwenzahn – aus dem Schatzhaus der chinesischen Arzneien

 Löwenzahn (Taraxacum)

In der chinesischen Medizin ist der Löwenzahn seit dem 7. Jahrhundert in Arzneibüchern erwähnt, im Westen zählt er ebenfalls zu den frühen Pflanzenheilmitteln. In beiden Kulturen wird die gesamte Pflanze, von der Wurzel bis zur Blüte verwendet.

Nach den chinesischen Angaben ist das Temperaturverhalten kalt und es besteht ein Bezug zu den Funktionskreisen „Leber und Magen“. Löwenzahn wirkt kühlend und entgiftend und dadurch Schwellungen und Stauungen lösend.

Die westliche Medizin stützt sich auch hier wieder auf die wirksamen Inhaltsstoffe (Taraxacin und Enuline)und so wird der Löwenzahn bei Magenbeschwerden und Gallenfunktionsstörungen eingesetzt. Er erhöht die Gallensekretion und stellt ein Bittermittel dar. 

In der chinesischen Medizin lassen sich alle Arten von „Wärmeprozessen“, auch Entzündungen und Schwellungen mit Löwenzahn behandeln. Das beginnt bei der Infektion der oberen Luftwege, bei der Tonsillitis, der chronischen Bronchitis und reicht bis zu infektiösen Hepatitis oder den Harnwegsinfektionen, auch die akute Mastitis läßt sich mit Löwenzahn therapieren. Ebenfalls als Indikationen werden aufgeführt: Furunkulose, Schwellungen der Halsdrüsen sowie Augenschwellungen. Das Wirkspektrum des Löwenzahn ist in der chinesischen Medizin also weit gefächert.

Juli 2023 Pfingstrose – aus dem Schatzhaus chinesischer Arzneien

 Pfingstrose (Paeonia officinalis)

In der chinesischen Medizin spielt die Pfingstrose seit über 2000 Jahren eine zentrale Rolle. Sie gilt als die Königin der Blumen, vergleichbar mit der Rose in unserer Kulturkreis. Bei uns im Westen spielt die Pfingstrosenwurzel nahezu keine medizinische Rolle. In China werden weißblühende und rotblühende Pflanzen eingesetzt. Während die weißblühende Pfingstrose mit neutralem Temperaturverhalten ausschliesslich und eindeutig dem Funktionsbereich „Leber“ zugeordnet wird und hier beruhigt, dämpft und ausgleicht steht bei der rotblühenden Pfingstrose die Kühlung der schädigenden Wärmeprozesse im Vordergrund.

Senn sich ein „schädigender Wärmeprozess“ im Funktionsbereich Leber ausgebreitet hat, äussert sich die Symptomatik mit Krämpfen, ziehenden Schmerzen in den Extremitäten, Bauchschmerzen, Schmerzen an den Rippenbögen und Verdauungsbeschwerden.

Die Pfingstrosenwurzel wirkt hier erweichend, dämpfend und schmerzstillend.

Bei Symptomen, wie schmerzhafte, starke Regelblutungen, spontanen Schweißausbrüchen und Nachtschweißen hilft sie die stofflichen Energiereserven zu erhalten und zu sammeln. Beim dritten und häufig vorkommenden Krankheitsbild mit Symptomen wie Kopfschmerz, Schwindel, Sehstörungen und Augenflimmern bei hochrotem Kopf wirkt die weißblühende Pfingstrosenwurzel beruhigend, erweichend, kühlend und absenkend.

Aufgrund der eindrucksvollen und in der chinesischen Medizin immer wieder zu beobachtenden Wirkungen dieses Mittels ist es erstaunlich, dass die Pfingstrosenwurzel in der westlichen Medizin keinen nennenswerten Bezug findet.

Juni 2023 Leinsamen – aus dem Schatzhaus der chinesischen Arzneien

 Leinsamen (Semen Lini)

Der auch bei uns bekannte Leinsamen wird seit dem 11. Jahrhundert in der Chinesischen Pharmazeutik erwähnt. Das Temperaturverhalten wird als neutral mit einer Tendenz zur Wärme beschrieben, die Geschmacksrichtung wird als süß angegeben. Der Leinsamen zeigt einen besonderen Bezug zu den Funktionskreisen „Lunge“, „Milz“, „Leber“ und „Niere“. Vor allem wird als Wirkung jedoch hervorgehoben, dass er den Funktionsbereich „Leber“ und „Niere“ nährend ergänzt und stützt und dabei auch eine laxierende Wirkung entfaltet.

In der westlichen Pflanzenheilkunde beeindruckt in erster Linie das Quellungsvermögen des Leinsamens, wobei durch einen Dehnungsreiz die Darmperistaltik gefördert wird. Durch die Schleimwirkung und das als Gleitmittel wirkende Öl wird die abführende Wirkung noch verstärkt. In diesem Sinne gilt der Leinsamen bei uns nahezu ausschliesslich als Laxans und wird in vielen Arzneimittelkombinationen zur Therapie bei Verstopfung eingesetzt. 

Diese Indikation spielt auch in der chinesischen Medizin eine Rolle. Im Vordergrund steht allerdings die aufbauende und Energie zuführende Wirkung. So wird das Mittel in erster Linie also bei einem Säfteverlust im Bereich der Funktioinskreise „Leber“ und „Niere“ eingesetzt, hier mit einer Symptomatik, wie früh gealtertes Aussehen, früh ergrautes Haar, allgemeine Kraftlosigkeit und leichte Erschöpfbarkeit.