März 2024 Die Milz – Organbeschreibungen der etwas anderen Art

In diesem Jahr möchte ich sie mit den schillernden Persönlichkeiten in unserem Leben vertraut machen. Die herrlichen Beschreibungen stammen von Peter Levin (Soziologe, Religionswissenschaftler und Osteopath) aus seinem Buch „Deine Organe Dein Leben“

Die Milz

Zwischen Eigenbrötelei und Egozentrik

Die Milz ist viel beschäftigt. Es gibt fast keinen Aspekt des Blutes, den die Milz nicht berührt. Sie hat mit dem Blut, den Blutzellen in der Lymphe zu tun. Dadurch wird sie sowohl als vaskuläres als auch als immunologisches Organ gehandelt. Sie ist mit der wehrhaften Abgrenzung des Individuums befasst und daher ein höchst individuelles Organ. 

Wie die Leber ist auch die Milz als Organ im Blutsystem von innen gefüllt mit Blut. Milz und Leber sind Schwester-Organe im Oberbauch, beide eng mit dem Zwerchfell verbunden. Die Leber ruht rechst auf dem Dickdarmwinkel, die Milz sitzt links dem Magen wie ein Rucksack auf. Die Milz ist kleiner als die Leber, und im Gegensatz zur venösen Fülle der Leber ist sie durch den Druck des arteriellen Systems gekennzeichnet. Die Milz bekommt ihr Blut vom Herzen wie die anderen Organe. Aber im Gegensatz zu diesen setzt sie die Blutzellen einer harten Prüfung aus. Nicht alle schaffen den Weg durch die Milz, manche halten dem Drucke nicht stand und werden aussortiert.

Wie ihre grosse Schwester auf der anderen Seite des Magens ist die Milz ein eingekesselter Gefäß-Schwamm. Bei Quetschungen der Milz kann ihre Kapsel schlimme Einblutungen in den Bauch verhindern. Bei Unfällen ist sie oft das erste Organ das reißt. Deswegen werden Unfallopfer sofort nach Blut in der Bauchhöhle untersucht.

Eine Geschichte der Loslösung

Die Geschichte der Milz ist eine der Loslösung bei Bewahrung starker Verbundenheit. Verbunden mit und doch ganz anders als der Magen wächst die Milz zuerst in enger Bindung an die Magenwand und dann aus dieser heraus. Erst nachdem sie sich aus dieser engen Bindung gelöst hat, beginnt das eigentliche Größenwachstum der Milz.

Gemeinsam in Fülle und Hunger

Wer so eng am Magen lebt, bekommt in dieser Verbundenheit auch die täglichen und aussergewöhnlichen „magendlichen“ Veränderungen mit. Die Milz wir durch die Fülle des Magens getragen und bei übermäßiger Fülle so sehr ans Zwerchfell gepresst, dass das Atmen schwer fällt und Seitenstechen entsteht. Sie nimmt aber auch an den Hungerphasen des Magens teil, sei es durch mangelbedingte Unterernährung, durch motivierten Widerstand im Hungerstreik oder durch zwanghaftes-neurotisches Selbst-Aushungern (Anorexie). Ein sich durch Hunger verkleinernder oder durch vermehrtes Erbrechen verkrümmender Magen wird die Beziehung zur Milz belasten.

Schwamm und Knäuel

Ähnlich der Leber ist die Milz ein Organ im Blutsystem und daher in ihrer Sensibilität auf das Innenleben des Körpers gerichtet. Beide regenerieren und wachsen nach. Wird bei Blutzellerkrankungen die Milz operativ extrahiert, reicht manchmal ein kleines Überbleibsel an Milz-Blutgefäßen, dass dieses zu erstaunlicher Größe nachwächst. Die Blutzufuhr der Milz ist aber im Gegensatz zur Leber rein arteriell und ihr Verhalten ist das einer Arterie: sie kreiert Druck und mag keine Schwellung. Das Schwellungsverhalten der Leber ist nicht milzkompatibel; eine geschwollene Milz ist Grund zur Besorgnis, da sie ein möglicher Hinweis auf krankhafte Prozesse ist. Die Milz verfügt wie die Leber über ein offenes Gefäß-Netzwerk, die sogenannte offene Zirkulation der Milz- und Lebersinusse. In ihrer Schwammstruktur gleicht die Milz der Leber. Da der Milz-Schwamm aber aus einem arteriellen Knäuel entsteht, sind hier Ähnlichkeiten zur ebenso arteriellen Organisation der Niere offensichtliche.

Rot-weiß ist ihre Fahne

Gäbe es einen Milz-Fußballverein, wären seine Vereinsfarben rot-weiß. Das Milzinnere läßt weiße und rote Gebiete erkennen. Diese entstehen durch die Anwesenheit von roten und weißen Blutkörperchen. In den weißen Gegenden befinden sich Lymphozyten und Fresszellen. Die Milz ist so stark von den Zellen des lymphatischen Systems besiedelt, dass sie auch als größter Lymphknoten des Körpers bezeichnet wird. In der Milz wie in den Lymphknoten treffen die Zellen des Immunsystems auf die von aussen kommenden Erreger. Im Idealfall werden diese Eindringlinge dingfest gemacht und erkennungsdienstlich behandelt. Stellt sich nach der Festnahme heraus, dass sie dem Körper schaden wollen, werden sie von den Fresszellen aufgefuttert und von den Lymphknoten unschädlich gemacht. Da Lymphozyten im lymphatischen System und im Blut zirkulieren, kommt es vor, dass Lymphozyten aus dem Dünndarm auch in der Milz landen und umgekehrt. So kommuniziert das Immunsystem der Darmschleimhaut mit der Milz.

Friedhof der roten Blutkörperchen

In den roten Gebieten sammeln sich die roten Blutzellen. Diese werden in der Milz auf ihre elastische Verformbarkeit und Belastbarkeit getestet. Da sich Erythrozyten durch allerkleinste Gefäße durchzwängen müssen, sollten sie unbedingt elastisch sein. Die Milz bringt die roten Blutkörperchen unter Verformungsstress. Die Gesunden unter ihnen überstehen die Prozedur, die kranken und alten werden aus dem Verkehr gezogen und abgebaut. Die Abbauprodukte werden als Wertstoffe behandelt und recycelt. Die Eisenmoleküle finden in der Leber und im Knochenmark erneut Verwendung.

Ewiges hin und her zwischen zwei Blutschwamm-Schwestern

Die Abbauprodukte der Milz sind eine direkte Vorlage für die Leber. Stauungen In der Leber machen sich in der Milz sofort bemerkbar und können in Extremfällen auch zu Milzschwellungen führen. So geben sich Milz und Leber ständig Ewas zu tun. Die verrückten Ideen der Milz muss die Leber ausbaden.Gestaute Lebergefühle machen der Milz Druck und stören ihren Freiheitsdrang. Ein ewiges Hin und Her, in dem die beiden einander ihre Sorgen mitteilen und Arbeitsaufträge erteilen. Die beiden sind direkt verbunden über den venösen Weg der Pfortader. Vermittelt über das Herz und die arteriellen Wege gelangt leber-bearbeitetes Blut zur Milz. Im Dreieck zwischen Leber, Herz und Milz liegt der Magen. Der Magen verbindet und trennt die beiden Blutschwamm-Schwestern des Oberbauches.

Lachen und Singen

Die Gefäße der Milz können sich rhythmisch kontrahieren. Die Milz wird aber auch durch die Bewegungen der Lungen und des Zwerchfells bewegt. Wer tief einatmet, mobilisiert die Milz. Auch Lachen und Singen bringt die Milz ins Schwingen.Endloser Redefluss stellt eine anhaltende Vibration für das Gewebe der Milz dar. Dieser stimulierende Redeschwall ist für die zuhörenden Mitmenschen oft schwer auszuhalten. Der Milz ist er aber eine angenehme Massage.

Ticks und Spleens

Die Milz ist ein Paradebeispiel der lokalen Autonomie. Sie verrichtet ihre Arbeit an den Blutzellen weitgehend ohne äußern hormonelle Einflüsse. Sie verfügt über autorhythmische Kontraktion und regelt ihren inneren Stoffwechsel weitgehend selbst. Unkontrollierte und unpassende Eigenbewegungen können zu Ticks werden. Eigenartige Verhaltensweisen enden, wenn sie nicht balanciert und eingebunden werden, im Spleen. Spleen ist der lateinische Name der Milz.

Milzpubertät

Ausgerechnet in der Konflikten der Pubertät trifft die Milz das Pfeiffersche Drüsenfieber. In dieser Phase stellt sich nicht nur die Milz, sondern auch die Umgebung öfter die Frage: Internat oder Auslandsjahr? Die Milz verkörpert als Organe der flüssigen und festen Blutqualitäten eine fulminante Bejahung der leiblichen und auch fleischlichen Seite unserer Menschlichkeit. 

Eingebundene Individualistin

Die Milz ist der Rucksack des Magens. Magen und Milz haben enge gemeinsame Freunde. Beide sind mit dem Zwerchfell verbunden und werden durch dieses rhythmisch dynamisiert. Beide nutzen den linken Teil des Querdarms als Hängematte oder balkonartige Stütze. Beide unterhalten, auf unterschiedliche Weise, eine enge Freundschaft mit der Leber. Das Herz spielt eine zentrale Vermittlungsrolle in diesem Beziehungsgeflecht aus Bindegewebe, Gefäßen und Blut. Ohne die Vermittlungsarbeit des Herzens würden die Organe des Oberbauchs schwerlich miteinander auskommen.

Februar 2024 Die Leber – Organbeschreibungen der etwas anderen Art

In diesem Jahr möchte ich sie mit den schillernden Persönlichkeiten in unserem Leben vertraut machen. Die herrlichen Beschreibungen stammen von Peter Levin (Soziologe, Religionswissenschaftler und Osteopath) aus seinem Buch „Deine Organe Dein Leben“

Die Leber

Verwandlungskünstlerin aus Leidenschaft

Die Leber ist wahrlich ein außergewöhnliches Organ. Sie steckt voller Schaffenskraft. Sie ist das größte, wärmste, aktivste, energiereichste, jüngste und  – ihre Liebhaber sagen – schönste Organ der Organfamilie. Wenn es um die Leber geht, häufen sich die Superlative. Dann ist es schwer den Charakter der Leber unter ihrem Superwomankostüm zu erkennen. Neben ihren vielen Besonderheiten stellen wir sie hier auch als erstes und durchaus prototypisches Organ im Blutsystem vor. Im Gegensatz zu den später noch porträtierten Hohlorganen steht die Leber nicht mit der Umwelt in direktem Kontakt. Ihre innere Fülle und Kraft ist das in den Gefäßen fliessende Blut. Das Volumen und die chemische Qualität des Blutes sind der Schaffensbereich und der Erfahrungshorizont der Leber. Dem Blut entnimmt sie die Grundbausteine des Lebens und wandelt diese um. Kaum ein Bauelement des Körpers, das nicht von ihr mitgebaut, kaum eine Zelle, die nicht von ihr mitgeliefert wird. Ohne die Leber läßt sich nicht leben. Ist sie krank, nimmt sie alle anderen Organe in Mitleidenschaft. Schon die antike griechische Organlehre und Medizin wusste um die ungewöhnlichen Fähigkeiten der Leber. Sie war in der griechischen Organlehre Sitz der Leidenschaften und Ursache vieler Leiden. Wer sich nicht für sie interessiert, wird von ihr heimgesucht. Wird sie gut behandelt bleibt sie ewig jugendlich.

Sie ist die Größte

Die Leber ist das größte Organ in uns und kann sich bei Bedarf zudem noch mit Leichtigkeit ausdehnen. Sie mag daher die Wiegte der Räume. Große Volumenschwankung kennt sie gut, und diese machen ihr keinen Stress. Sie kann sich an die wechselnden Fülle mit einer adaptiven Hülle anpassen. So vermeidet sie trotz grosser Volumenveränderungen starke Druckschwankungen: sie kann auf 150% ihres Volumens anschwellen ohne den inneren Blutdruck zu erhöhen. Dabei bleibt ihre Funktion erhalten. Diese Toleranz macht ihr kein Organ nach. Denken wir an die geringe Schwellungsfähigkeit des Gehirns und der Nieren. Schwellen nämlich diese, kommt es schnell zu Druckerhöhungen und lebensbedrohlichen Funktionsveränderungen. In der Volumenveränderungs-Liga gehört die Leber mit dem Magen und dem Herz an die Spitze. Während das Herz mit zunehmender Blutfüllung zur Kontraktion neigt, saugt sich die Leber voll wie ein Schwamm und wird schwerer und schwerer.

Bigger than life

Im Haus der Organfamilie zieht die Leber in das große Zimmer mit Balkon ein. Die anderen Familienmitglieder könnten sich zwar beklagen, dass die Leber das schönste Zimmer bekommt, aber da sie nicht nur die Größte sondern auch die Großzügigste ist, geben die anderen ihrem Platzbedarf gerne nach. Sie ist einladend und ausladend zugleich. Der Leber gelingt es ihren platznehmende Charakter mit einer platzgebenden Geste zu verbinden. Die Leber beeindruckt durch Gelassenheit, sie gibt den anderen das Gefühl, dass man ihr so leicht nichts anhaben kann. Sie ist „bigger than life“ . Damit ist sie in der Organfamilie ein gutes Gegengewicht zu den ewig unsicheren und von Fragen geplagten Nieren. Die Leber ist fraglos Präsenz; komplizierte Verwicklungen sind nicht ihr Metier. Jeder Familie tut dieser Schuss selbstverständlicher Anwesenheit gut.

Arbeit an der Substanz

Mit der Leber kommen wir auf die stoffliche Seite des biographischen und therapeutischen Veränderungsprozesses zu sprechen. Die Physiologie spricht von Stoffwechsel. Der Verdauung und Aufnahme der Stoffe im Magen-Darm-Trakt folgt deren Umbau in den Leber- und Körperzellen. So können wir die Verwandlungskraft von Leber und Magen unterscheiden. Der Magen schafft Formänderungen ohne selbst am Verhandlungsprozess der Substanz beteiligt zu sein; er vermischt nur. Die Leber ist offen für Volumenänderungen, nimmt es mit der eigenen Form nicht so streng und entfaltet ihre volle Verwandlungsmacht in der Arbeit an der Substanz.

Da die Aktivität der Leber auf Substanzänderung zielt, ruft sie immer wieder die theologische und therapeutische Fraktion au den Plan. Dann fallen Worte wie: Verwandlung und Umwandlung, Heilung und Erneuerung.

Verwandlungskünstlerin

Fleißig baut und verwandelt die Leber, was ihr über das Blut aus dem Magen-Darm-Trakt, der Milz sowie der Leberarterie zugeführt wird. Sie baut Proteine, aus denen dann Zellen und Hormone gemacht werden. Besonders für die schnell erneuernden Gewebe, wie Blut-und Schleimhautzellen, ist ihre Arbeit von großer Bedeutung. Sie ist die große Verwandlerin, Bau- und Umbaumeisterin unter der Organen. Sie stellt die große Küche, die Chemiefabrik, die Druiden- und Hexenwerkstatt in der Organfamilie dar. Sie empfängt und sie gibt, sie entnimmt dem Blut einiges und fügt ihm vieles zu. Netto arbeitet die Leber mehr für den gesamten Organismus als für sich selbst. Sie entnimmt relativ einfache Bauteile aus dem Blut und reichert es mit sehr komplexen Enzymen, Vitaminen ect. An. Sie ist eine Verwandlungskünstlerin besonderer Art; sie erhöht die Qualität und die Komplexität des Produkts. Sie gleicht einer Alchimistin.

Funktionen über Funktionen

Die Funktionen der Leber sind so zahlreich, dass es leicht ist, eine zu vergessen; so z.B. dass sie 

-eine Drüse ist und Gallensekret bildet

-wichtige Immunfunktionen übernimmt

-Zucker, Vitamine und Einspeichert

-die Eisenaufnahme im Zwölffingerdarm über ein Hormon steuert

-mittels Vitamin K die Gerinnungsfaktoren des Blutes produziert und

-mittels Vitamin A Stoffe für das Auge produziert

Entstanden aus Blut

Mit der Leber begeben wir uns in die Welt der blutgefüllten Organe. Mit ihr fängt alles an. Sie bildet sich im Blut noch bevor es ein entwickeltes Gefäßsystem gibt. In der Lebergegend sammelt sich anfänglich das Blut des Embryos; und die spätere Leber entsteht und besteht zu großen Teilen aus Blut. Sie erhält 25-30 % des Herzausstoßes, obschon sie nur 2,5 % des Körpergewichtes hat. 

Venöse Fülle

Die Fülle der Leber ist das venöse Blut aus dem Magen-Darm-Trakt und der Milz. Zwei Drittel des Blutes, dass in die Leber fließt, ist venös, ein Drittel arteriell. Die Anatomen haben diesem seltenen Organisationsmodell einen eigene Namen gegeben: Pfortaderkreislauf. Normalerweise wird ein Organ von arteriellem, sauerstoffreichem Blut versorgt und nach dem Austausch in den Kapillaren vom venösen, sauerstoffarmen Blut entstammt. Nur an wenigen Orten im Körper wird dieses Prinzip verändert. Die Leber ist das prominenteste Beispiel.

Bewässerte Reisfelder

In der Leber herrschen Strömungsverhältnisse, die an Lagunen erinnern. Das Blut fließt mit geringem Druck in die vielen offenen Höhlen und Buchten des Leberschwamms. Nur Leber und Milz kennen diese Formen des offenen Gefäßbettes. In der Leber ist an Stelle der Kapillaren ein offenes Netzwerk getreten. Die Kontinuität der Gefäße ist durch die Schwammstruktur aufgelöst. Entsprechend bewegt sich das Blut in der Leber wie in einem Reisfeld; es umspült die Pflanzen, schwankt vor und zurück und verläßt es dann wieder. 

Lebermüdigkeit,Leberhitze

Die Leber arbeitet bei niedrigem Druck und ausreichendem Durchfluss gut. Hat sie genug Zeit und bekommt sie gute zu verarbeitende Stoffe zugeteilt, schafft sie Ihre Arbeit an den Bestandteilen des Blutes ohne Anstrengung. Die Hauptarbeit kommt dabei den Leberzellen zu. Die im Gewölbe der Leberhöhlen liegen. Die Leber kann sowohl Zucker speichern als auch wenn nötig die Speicher leeren. Als energetisches Zentrum im Stoffwechselprozess ist sie  – wie oft die Küche im Haus – der wärmste Ort des Körpers.

Gut platziert, aber nicht gierig

Nicht nur im Embryo ist die Leber gut platziert, um das beste Blut abzufangen. Auch nach der Geburt ist ihr Platz an der Sonne sicher, denn sie bekommt das Blut aus dem Dünndarm, das gerade frisch beladen wurde mit Nahrungsstoffen. Die Leber kann einströmende Moleküle sofort nutzen. Manches entnimmt sie großzügig, z.B. die Grundbausteine der Eiweiße, weil sie die Einzige ist, die Bluteiweiße bauen kann. Von anderen Stoffen nimmt sie nur ihren Anteil. So hat die Leber eine geringe Affinität für Zucker. Deshalb gelangt die größte Menge des Zuckers zu jenen Organen und Zellen, die diesen viel dringender brauchen: Gehirn, Herz, Nieren und Muskeln und rote Blutkörperchen. Hier zeigt die Leber Größe und einen Sinn für Verteilungsgerechtigkeit. Das Gehirn braucht am meisten Zucker und bekommt diesen in großen Mengen. Besonders abhängig vom Zucker sind die roten Blutkörperchen; diese können sich nur mittels Glucose am Leben halten. Die anderen Organe hätten notfalls die Möglichkeit aus Fetten ihre Energie zu produzieren.

Süße Energie

Glucose ist die wichtigste Quelle für die Energiegewinnung und Energie braucht der Körper en masse. Die physiologischen Abläufe benötigen im menschlichen Organismus viel Energie. Diese Energie muss der Organismus, aus dem was er aus der Umwelt aufnimmt, selbst herstellen. Die Erneuerungs- und Reparaturvorgänge, der Zellstoffwechsel und die Pumpmechanismen der Zellwand müssen angetrieben werden. Das Benzin der Körpers heißt ATP.

Die Leber hat ein einzigartiges Verhältnis zum Zucker, das spüren nicht nur die Naschkatzen unter uns. Ist der Blutzuckerspiegel nach einer guten Mahlzeit dauerhaft hoch, entnimmt die Leber dem Blut vermehrt Zucker. Da sie diese Mengen nicht für die eigene Arbeit braucht, speichert sie den überschüssigen Zucker in den Leberzellen. In Phasen der körperlichen Anstrengung oder des Hungers gibt sie diesen Zucker wieder ans Blut ab. Somit ist die Leber nicht nur ein Speicherorgan für Zucker, sie spielt auch bei der Verteilung des verfügbaren Zuckers eine entscheidende Rolle. In Zeiten des Überflusses spart sie an und gibt uneigennützig in der Not. Die Bauchspeicheldrüse hilft dabei mit; sie schickt die entsprechenden Hormone für die Einlagerung (Insulin) und Herausgabe (Glucagon) von Zucker aus den Leberzellen. Neben den Muskeln des Bewegungsapparates haben nur die Leberzellen die Fähigkeit, Glucose zu speichern und bei entsprechender Not zu mobilisieren. 

Feind und Freund

Eine Leber muss Freund und Fein auseinanderhalten können. Eine ausgewogene Ernährung und Durchblutung halten die Leber jung. Sie ist das einzige Organ, dem man das Alter nicht ansehen muss. Bestimmt Formen des Zuckers machen der Leber allerdings das Leben schwer. Die Leber lernt schnell, dass Alkohol und Fruchtzucker ihr schaden können. Im Vergleich zur Glucose wird bei der Verarbeitung der Fruktose in den Zellen vermehrt Fett gebildet. Die Leber neigt dazu, 30 % der Fruktose in Fett umzuwandeln. Dieses Fett verbleibt entweder in der Leber oder geht ins Blut. In der Leber führt es zu deren Verfettung. Wandert es ins Blut, ist es gefürchtet, weil es die Gefäße schädigt. Egal wie man es dreht: wer glaubt, Fruchtsaft wäre fettfrei, der hat nicht mit der Leber gerechnet. Große Mengen an Fruchtzucker können für die Leber ebenso schädlich sein wie Alkoholkonsum. Deshalb bezeichnen manche besorgte Forscher denen vielen Getränken und Nahrungsmitteln enthaltenen Fruchtzucker als Gift. 

Die zweite leberschädliche Form des Zucker ist der Alkohol. Alkohol stört und zerstört nicht nur die Zellmembranen Leberzellen, er wirkt nicht tiefer in der Zelle. Er macht sich auch and er Membran des Mitochondriums zu schaffen und legt damit die Energiegewinnung der Leberzellen lahm. Ohne Energie sterben diese Zellen. Die Belastung der Leber und erst recht die irreversible Leberzirrhose führen zu Rückstau im ganzen Bauchraum. Die Menschen mit Leberschäden verlieren zudem Substanz, weil die Leber nicht mehr ihren Aufbau-Aufgaben für den Rest des Körpers nachkommt. Sie sehen daher unterernährt und zugleich überbläht aus: der geschwollene Bauch wird von dünnen Beinen getragen.

Sucht und Rausch, Bedürfnis und Exzess

Alles an der Leber geht in die Superlative: komplexester Stoffwechsel, größtes Blutvolumen, größter Produzent von Lymphflüssigkeit. So können wir sagen: die Leber ist ein Extrem-Sportler. Sie ist extrem belastbar und lädt dazu ein Grenzen auszutesten. Und wer ist mehr für Exzesse geeignet als ein extremes Organ? Die Leber erlaubt uns, Grenzen zu überschreiten und wieder in die Grenzen zurückzukehren. Aber es gibt keine Garantie auf die sichere Rückkehr nach dem Exzess. Das Wort „Sucht“ trägt den Sog in sich. Der Sog hält fest und droht uns zu verschlingen. In der Sucht ist der Rückweg aus der Grenzüberschreitung unendlich viel schwerer als es die leichte Lust des Augenblicks und des Rausches vermuten ließen. Glücklich, wer nach dem Rausch nur im Frust des Katers endet. Der Kater birgt eine Chance, er kann zum Warnschuss geraten. Die Leber freut sich, wenn auf die Warnung reagiert wird. Die Leber stellt die Frage nach der menschlichen Bedürfnis-Natur und den Konsequenzen der Befriedigung.In ihr wird der Übergang vom Feuer der Begeisterung zum rauschhaften Exzess zu einer Frage des Überlebens. 

Feuer der Zivilisation

Auch in der griechischen Mythologie erscheint die Leber prominent im Zusammenhang mit den menschlichen Bedürfnissen. Die Leber ist Sitz der Passionen und der Leidenschaft, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Übertrieben deutlich wird das im Feuerraub des Prometheus, der mit einem Leberraub bestraft wurde. Prometheus brachten den in Dunkelheit und Kälte lebenden Menschen das Feuer der Zivilisation. Zur Strafe wurde er an den Kaukasus gefesselt und seine Leber von Adlern angefressen. Hat die Strafe der Götter zufällig die Leber gewählt oder wussten die Götter, dass in der Leber das Feuer der Zivilisation brennt? In der mythologischen Erzählung wächst die Leber wieder nach. Auch die moderne Physiologie hat die Leidensfähigkeit und Erneuerungskraft der Leber bestätigt. Das Gewebe der Leber kann sich nach Verletzung oder Operation neu bilden. So wuchs die auf 45 % reduzierte Leber eines Leber-Spenders im Laufe von sechs Monaten wieder auf 90 % an.

Mick Jaggers Leber

Dass unsere menschliche Wunsch- und Treibnatur mit der Wiederkehr von Frust und Lust, Rausch und Kater kämpft, weiß am besten die Kultur der Rock- und Soulmusik, In ihr werden die organischen, sexuellen und sozialen Bedürfnisse bejammert und beschworen. Dieses Gejammer interessant zu gestalten erfordert grosses künstlerische Raffinesse und eine Menge Arbeit am Detail. Jede Rock´nRoll-Leber weiß, dass eine Menge an Arbeit und Frustration zwischen Bedürfnis und Erfüllung, zwischen Lied-Idee und erfolgreichem song liegt. Arbeit an den Bedürfnissen ist das Thema der Leber. Nur die frustrierte Leber trällert den song der Rolling Stones: I can´t get no satisfaction. Frust ist der Bruder des Katers danach: ebenso enttäuscht und willig, auf die nächste Lusterfüllung alle Hoffnung zu setzen.

Extrem tolerant und ausgeglichen

Was für Nicht-Lebern schwer nachvollziehbar ist: die Leber hat Ansprüche – und nicht zu wenige – aber sie kann mit Absagen und Zurückweisungen ebenso umgehen wie mit dem Glück der Wunscherfüllung. Eine im organischen und sozialen Universum nicht gerade weit verbreitete Toleranz erlaubt es der Leber ihre Bedürfnisse ohne falsche Scham auszuleben. Mit der dabei auftretenden Frustration kann sie umgehen, denn sie weiß, dass sie selten bekommt, was sie sich erhoffte oder phantasiert hat. Wenn wir etwas von der Leber lernen können, dann ist es die Freiheit, sich ohne Angst auf die Wunschnatur und die Zirkularität des Begehrens einzulassen. Die Leber ist so sehr im Reinen mit sich, der eigenen Leidensnatur und Leidenschaftlichkeit, dass sie uns vor der Verteufelung der menschlichen Triebhaftigkeit schützt. 

Innerer Zwang und Auftrag

Die Leber baut nicht nur auf, sie ist auch entscheidend wirksam beim Abbau von Stoffen. Sie ist beteiligt am Abbau der Blutzellen und Hormone. Die Extra-Last der Leber sind aber die vielen Gifte, die wir zu uns nehmen, allen voran der Alkohol. Schafft die Leber ihre Arbeit nicht mehr, bleiben Abbaureste der roten Blutzellen im Körper und zeigen sich als Gelbfärbung der Haut. Werden Hormone nicht ausreichend abgebaut, kommt es zu unliebsamen Wirkungen der Hormonanhäufung. Sammeln sich beispielsweise beim Mann die Östrogene, können diese eine Ausbildung der Brust bewirken.

Gelb vor Sucht

Gelbsucht und Alkoholsucht hinterlassen deutliche Spuren. Schafft es die erkrankte Leber nicht mehr, das Bilirubin aus dem Blut in die Galle zu transferieren, lagert es sich in der Haut ab. Die Haut und besonders sichtbar die Bindehaut des Auges – verfärbt sich gelb. Nach der Geburt durchlaufen manche Kinder eine kurze Phase der physiologischen Gelbfärbung. Durch die Umstellungen des Kreislaufs und der Blutbildung auf nachgeburtliche Verhältnisse entsteht vermehrt Bilirubin, das die noch ungeübte Leber überfordert. So kommt es manchmal in den Tagen nach der Geburt zu einer zeitlich begrenzten Gelbfärbung der Haut, die dem Kind aber kaum zu schaffen macht. Da in diesem jungen Alter die Blut-Hirn-Schranke jedoch noch durchlässig ist und Bilirubin für das Gehirn toxisch wäre, wachen die Kinderärzte mit Argusaugen darüber, dass der Bilirubinwert im Blut nicht zu hoch wird.

Freunde und Nachbarn in der Organfamilie

Wie kaum ein Organ ist die Leber auf allen Ebenen vernetzt. Sie ist ein typisches Gefäßorgan mit venöser Betonung. Sie arbeitet an der Blut- und Lymphbildung mit. Über die Zuckerfreisetzung ist sie direkt mit dem Muskelstoffwechsel verbunden. Mechanisch bestimmt sie das Zwerchfell und die Atmung mit; sie nimmt das venöse Blut aus dem Bauchraum. Die venöse Fülle der Leber speist das Herz und hilft diesem bei der Ausbildung seiner Schlagkraft. Die Leber arbeitet immer für andere mit; ihre stoffliche Aktivität kommt meist den anderen zugute. Sie ist neben der Niere die Hauptabnehmerin und Ausscheiden der Stoffwechselprodukt. Sie recycelt und entgiftet das Blut- und Verdauungssystem. Die in der Leber produzierte Galle braucht der Zwölffingerdarm für seine Fettverdauuung.

Leber und Milz sind die beiden Blutorgane des Bauches.Sie sind wie Schwestern, die eine venös bestimmt, die andere arteriell. Sie sind immer im Kontakt und arbeiten zusammen an der Qualität des Blutes. 

Januar 2024 Die Organfamilie – Organbeschreibungen der etwas anderen Art

ich starte das neue Jahr 2024 wieder mit einem monatlichen Beitrag.

In diesem Jahr möchte ich sie mit den schillernden Persönlichkeiten in unserem Leben vertraut machen. Die herrlichen Beschreibungen stammen von Peter Levin (Soziologe, Religionswissenschaftler und Osteopath) aus seinem Buch „Deine Organe Dein Leben“

Die Organfamilie

Wir leben in unseren Organen in einer Gemeinschaft zusammen. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen miteinander auskommen, um den Alltag zu bewältigen. Nur wenn es in der Organfamilie allen gut geht und gut gehen darf, ist ein Leben in gemeinsamer Freude möglich. Sonst beherrschen Elend und Zank, Krankheit uns Missgunst des Lebens im Inneren und Äußeren. Hier werden die Organe als liebenswerte Zeitgenossen und zuweilen merkwürdig-schrullige Persönlichkeiten vorgestellt. Für Organliebhaber gilt die goldene Regel: Liebe deine Organe wie dich selbst. Im Leben und in der Liebe ist es ratsam. Das Gegenüber kennen zu lernen, auch wenn das Gegenüber im eigenen Inneren wohnt.

Manche Organe sind sympathisch und interessant, andere fremd und abstoßend. Ein Mindestmaß an freundschaftlichem Umgang mit Respekt für die Bedürfnisse und Nöte der Anderen bleibt jedoch das Geheimnis des glücklichen Organlebens. Solidarität ist geboten und möglich. Geht es einem Organ schlecht, müssen alle ran, wie in einer gut funktionierenden Familie. Jedes Organ hat einen gesunden Egoismus und Überlebenswillen. Irgendwann, wenn der müde Magen allzu lange am Herzen gezogen und auf den Dickdarm gedrückt hat, werden Herz und Dickdarm entscheiden, dass ihr eigenes Überleben wichtiger ist und sich zur Wehr setzen. Dann beginnend die Konflikte in der Organgemeinschaft offenbar zu werden. Und während es zum Hauen und Stechen zwischen den Organen kommt, werden wir krank.

Oft stand Nachlässigkeit und Unverständnis gegenüber einem einzelnen Organ am Anfang. Dann gab es keine gute Lösung der einzelnen Organkonflikte, nur Symptomverschiebungen. Auch Schuldzuweisungen führen nicht weiter. Es braucht die anerkennende Liebe, um die Grenzen des Einzelnen zu erkennen und das gute Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen.

Füllen wir unserem Magen mit allem was die Konsumwelt zulässt, kann es gut sein, dass er sich wehrt und alles zurückgibt. Belasten wir unsere Lungen über unsere Möglichkeiten, machen sich diese durch Husten und Stimmunterbrechungen bemerkbar. Das Verständnis für die Fähigkeiten und Grenzen unserer Organe macht unser Leben einfacher und schmerzloser.

Die Organe sind eingebettet und eingebunden in die Organgemeinschaft. Der Raum in dem die Organe zusammenleben ist begrenzt. So sind Konflikte und Platzstreitigkeiten vorprogrammiert. Der Magen weiß davon zu berichten, da er sich bei jeder Mahlzeit ausdehnen muss. Dabei kommt er immer wieder in Organvolumenkonflike mit seinen Nachbarn: Dickdarm, Leber, Lungen und Herz. Nimmt ein voller Magen den Lungen ihren Raum oder bedrückt er das auf ihm liegende Herz, kommen schnell Klagen: Atemnot und Herzbeschwerden. Das Beziehungs- und Gemeinschaftsleben der Organe kennt aber auch gemeinschaftliche und solidarische Aspekte. Es wundert jedoch manchmal, dass wir die ganze Breite des Dramas menschlicher Beziehungen auf das Zusammenleben in der Organgemeinschaft projizieren können. In den Organerzählungen ist dem Organ nichts Menschliches fremd; sie erleben Anziehung und Abstoßung, Solidarität und Missgunst, Selbstaufgabe und Autonomiesucht, Schreck und Ekel, Abhängigkeit und Verzweiflung, Verlust und Gewinn, Glück und Pech, Frust und Zufriedenheit.

Unsere Organe sind individuell und unvergleichlich. So wollen sie auch behandelt werden. Über einen Kamm scheren lassen sich Organe sich nicht. So wollen Dünndarm und Niere als eigenständige Persönlichkeiten erkannt werden. Selbst wenn wir den Dünndarm mit seinem Bruder, dem Dickdarm, vergleichen, müssen wir sofort ihre Unterschiede benennen. Der Dickdarm liebt es im Rahmen zu bleiben. Der Dünndarm ist abenteuerlustig und schlägt gern über die Strenge. Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn beim Einpacken die Geburtstagsgeschenke für Nieren und Dünndarm verwechselt würden. Wer dem Dünndarm als Überraschung ein Flugticket nach Thailand schenkt, mag goldrichtig liegen. Die Nieren aber, die gern zuhause auf dem Sofa liegen und sich Bildbände ferner Länder anschauen, würde ein solches Geschenk in große Nöte bringen.

In der Organfamilie sind die Aufgaben verteilt. So wie Mutter und Kind, Großeltern und Eltern, Mann und Frau je nach Fähigkeit und Position in der Generationenfolge unterschiedliche Aufgaben in einer Familie erfüllen, so erfüllen die Darmorgane eine andere Aufgabe als die Blutorgane. Ein Herz kann viel leisten für die Familie, aber die Aufgaben der Verdauung kann es beim besten Willen nicht übernehmen. Kommt ein Organ in Rollenkonflikte, wird es mit den Themen der anderen belastet und kann seine eigentlichen Aufgaben nicht mehr sei gut erfüllen. 

Es ist gut zu wissen, was ein Organ mag und was es nicht mag, was es kann und was es über die Maßen fordert. Wer dann noch die Lieblingsmusik oder das Lieblingsbuch eines Organes kennt, ist natürlich im Vorteil. Wer die Organe lieben willen wie sich selbst, kann sie hier in aller Schönheit und Eigenart kennenlernen.

In diesem Sinne werde ich im Monat Februar 2024 das Organ „Leber“ vorstellen.